Zweite Große Reise – Erster Abschnitt

Am 27. Juli fuhr ich nach einem letzten Besuch in Cajamarca gen Osten los. Erste Station war Santa Cruz, von wo aus es mit dem Zug weitergehen sollte. Es war meine erste Reise alleine, deshalb war ich auf der 14-stündigen Fahrt auch zunächst etwas nervös, was sich aber schon bald legen sollte. Die  Zugfahrt war einsam, ruckelig und von spektakulären Ausblicken begleitet. Der Osten Boliviens, „el oriente“, ist touristisch noch weniger erschlossen als der Westen des Landes, und so begegneten mir in den nächsten Tagen kaum Touristen.  Das war seltsam, nach einiger Zeit jedoch sehr entspannend, da man so dem ewigen Backpacker-Wettlauf entkommen konnte, den man als Freiwilliger ohnehin nicht gewinnen kann.

Von Santa Cruz fuhr ich nach Puerto Quijarro, dem östlichsten Punkt Boliviens – die Grenze zu Brasilien. Diese überquerte ich allerdings nicht, guckte mir nur die Ansammlung von Häusern und staubigen Straßen an und guckte ins brasilianische Pantanal rüber. Es war mein Glück, dass zu dieser Zeit tiefster Winter in Bolivien herrschte, denn im Sommer erreichen die Temperaturen in Quijarro ab und zu 50 Grad. In Puerto Quijarro gab es leider keinen Bankautomaten, ich musste zur brasilianischen Grenze fahren – und so begann meine Liebe zu Moto-Taxis, Motorrädern, die dich in der Gegend rumfahren. Gegen Geld, versteht sich. Meiner Meinung nach die beste Erfindung seit der Dampfmaschine. Mein Verbesserungsvorschlag für Deutschland: Moto-Taxis in allen Städten. Und Dörfern.

Die nächsten Tage verbrachte ich dann auch hauptsächlich auf dem Rücksitz von Motorrädern. Als ich mitten in der Nacht an meinem nächsten Ziel ankam (als ich tatsächlich ankam, denn kurz zuvor war ich fälschlicherweise eine Station zu früh ausgestiegen, eine Tatsache, über die die Zugführer sich nicht sehr gefreut hatten, da sie den Zug aufhalten mussten, damit das dumme deutsche Mädchen wieder einsteigen konnte), also, als ich ankam, war finstere Nacht und ich hatte keine Ahnung wo ich hinmusste. So schwang ich mich gleich aufs Motorrad um auf Hotelsuche zu gehen. Ich fuhr einmal vom einen Ende des Dörfchens San José de Chiquitos bis ans andere und wieder zurück. Nicht nur aus Jux, aber dieser spielte doch eine entscheidende Rolle.  Am nächsten Tag besichtigte ich die Hauptattraktion San Josés: die Jesuitenkirche. Sie ist wirklich beeindruckend, und das Museum dazu war auch erstaunlich interessant. So erfuhr ich viel über die Jesuiten, die im Jahr 1696 mit der Gründung ihrer Städtchen im Osten Boliviens begannen, in der sogenannten Chiquitania. Dieses Wort hatten sich die Jesuiten ausgedacht, es stammt von dem Wort „chico“ oder „chiquito“, was so viel wie „winzig“ bedeutet. Der Grund: die Jesuiten passten nicht durch die Türen der Einwohner. So beschlossen sie, diese als Winzlinge zu bezeichnen. Ihre Sprache: Chiquitano. Ihr Dorf: San José de Chiquitos. Sie waren sehr gründlich in ihrer Herabwürdigung dessen, was sie in Bolivien vorfanden.

In Bolivien gibt es mehrere dieser Jesuitenreduktionen, deren Kirchen Weltkulturerbe sind. Sie vereinen christliche Architektur mit der traditionellen indigenen Bauweise und sind deshalb mit europäischen Kirchen kaum zu vergleichen.  In den letzten zwanzig Jahren wurden diese Kirchen restauriert und sind zu touristischen Zielen geworden.

Später bestieg ich ein weiteres Mototaxi, und ließ mich zu meinem dritten „Valle de la Luna“ fahren. Ich habe jetzt drei verschiedene Theorien über das Aussehen der Mondoberfläche gesehen und würde mich sehr wundern, wenn eine davon auch nur annähernd dem Original ähnelt. Das Valle war unspektakulär, und so genoss ich vor allem die Mototaxi fahrt, bevor ich an dessen Ende vom Fahrer schamlos abgezogen wurde.  Am Terminal buchte ich meinen Bus an mein nächstes Ziel (ich wählte dieses aus, in dem ich mich von der ersten Verkäuferfrau anquatschen ließ und einfach das kaufte, was sie mir vorschlug). Ich fuhr also mit dem Bus in das winzige Dorf Chochís.

Ein Hotel zu finden, war dort nicht schwer, denn es gab nur zwei. Als ich ankam, war auch fast schon Nacht (es war schließlich schon fünf) und so begnügte ich mich damit, umherzuspazieren. Das Dorf war wie eine Miniatur von einem echten Dorf. Es gab alles, eine Kirche, eine Schule, einen Laden und ein Rathaus (Bürgermeisteramt? Versammlungsort?) aber alles befand sich am gleichen Platz. So auch mein Hostel. In der Ferne sah man einen riesigen roten Felsen. Ich spazierte zwei Minuten aus dem Dorf heraus und betrachtete von einer wilden Wiese aus, wie neben diesem die Sonne unterging. Es war fast schon zu kitschig. Im ganzen Dorf war ich die einzige Touristin, was natürlich den Hypertouri in mir zufriedenstellte, für den ein Ort erst schön ist, wenn er der einzige ist, der ihn jemals gesehen hat. Dazu möchte ich sagen, dass ich den Ort nur gefunden habe, weil er im Lonely Planet als „Geheimtipp“ angepriesen wurde.  Deshalb holte ich mich immer sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurück, sobald ich begann, in irgendwelchen selbstgefälligen Träumereien zu schwelgen.  Dennoch machte die Einsamkeit meinen Aufenthalt in Chochís zum Highlight meiner Reise. Die Schönheit der Natur und des Städtchens taten natürlich ihren Teil. Zudem war es bestimmt einer der seltsamsten Orte in Bolivien: den ganzen Tag über kamen Durchsagen über riesige Megafonanlagen, die im ganzen Dorf aufgestellt  waren. Der Inhalt der Durchsagen reichte von Werbung für die einzige Bäckerei im Dorf bis zu Aufrufen zur Versammlung mit dem Bürgermeister, die am nächsten Sonntag stattfinden sollte.

Am nächsten Tag wanderte ich zu einem Sanktuarium, das für die Opfer einer Flut im Jahre 1979 errichtet wurde. Es bestand aus bizarren Holzschnitzereien und Blumen. Hinter dem Haus befand sich der rote Felsen, an dem man hochklettern und die Chiquitania von oben bewundern konnte.  Am Nachmittag stiefelte ich noch zu einem kleinen Wasserfall, bevor ich mich abends in den Bus nach Santa setzte.  In diesen Tagen ernährte ich mich übrigens von Empanadas und Limonade, die mir durch Busfenster verkauft wurden.  Von Kindern, versteht sich.

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Endspurt in Sucre

So, jetzt kann man die Zeit, die mir noch in Sucre bleibt, schon an diversen Körperextremitäten abzählen. Ich habe auf der Zielstrecke nochmal ein bisschen Abschiedsbammel bekommen und sämtliche Konvents, Kirchen und Museen Sucres besucht, die mir vorher entgangen waren. Es wäre peinlich, nach Hause zu kommen, und nicht einmal die Lonely-Planet-Sehenswürdigkeiten abgeklappert zu haben. Insofern nutzte ich die letzten Wochenenden und sah viel von der „weißen Stadt“. Das Highlight: ein Konvent, in dem vor drei Jahren Malereien im Kreuzgang entdeckt wurden. Diese wurden quasi als Lehrmaterialien für die Insassen des Konvents genutzt. Zu sehen sind ausschließlich die Stationen des Lebens der Jungfrau Maria. Das Lowlight war eine angepisste Führerin, die ständig telefonierte und für das, was sie da präsentierte, offensichtlich kein Interesse hatte.  Von den Dächern der Kirchen in der Innenstadt, die ich besuchte, hat man einen tollen Blick, den meine Handykamera leider nur ungenügend einfangen konnte.

In der Casa de la Libertad, in der 1825 die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde, wird die Geschichte Boliviens ausgestellt. Auch zu sehen ist eine überlebensgroße Holzschnitzung von Simon Bolívars Kopf. Die macht einem tatsächlich ein wenig Angst. Auch gibt es einen Raum zum Leben des Marschalls Antonio Jose de Sucre, der einige wichtige Schlachten im Kampf um die Unabhängigkeit Boliviens gewann. Er heiratete seine Frau über einen Brief, da er verletzt war und zur Hochzeit nicht antreten konnte. In diesem stand: „Du verheiratest dich um ein Haar mit einem Toten“.  Sehr interessant ist auch die Geschichte Juana Azurduys, der einzigen Frau, die im Unabhängigkeitskampf eine Rolle spielte. Sie war mit einem Führer der Bewegung verheiratet, und als er starb, führte sie die Armee in einigen entscheidenden Kämpfen. In den zentralen Saal der Casa de la Libertad wurden vor einigen Jahren zusätzlich zu den schon vorhandenen kreolischen Freiheitskämpfern auch einige indigene Helden eingeführt.  Unter ihnen Tomás Katari, der 1780 einen indigenen Aufstand gegen die Spanier geführt hatte.

Bei der Arbeit lief endlich einmal alles rund: wir schleiften Kinder in den Park, malten mit ihnen Mandalas und kochten sogar mit ihnen auf offenem Feuer. Sie wussten offensichtlich besser als wir, wie das funktionierte, was zu einigen peinlichen Situationen führte. Nur mit der Entscheidung, eine Plastik-Crackerverpackung ins Feuer zu werfen, waren wir auch im Nachhinein nicht einverstanden. Es gab auch eine weitere Spendenaktion: einige deutsche Reisende wollten den Kindern in einem Sektor Klamotten schenken. Sie zeigten sich sehr überrascht, als die Kinder sich nicht mit dem zufriedengaben, was ihnen zugeteilt wurde, sondern mehr Klamotten wollten. Sie waren komplett überfordert und hatten keinen blassen Schimmer, wie man so etwas angehen könnte. Dabei zuzusehen war ebenfalls ziemlich furchtbar, da es auch für die Kinder ein erniedrigendes Erlebnis gewesen sein muss, die großen Weißen um Klamotten anzubetteln. Das ist meiner Meinung nach eigentlich eine der zentralen Aufgaben der Escuela Móvil, den Kindern einen Teil der Würde zurückzugeben, die ihnen das Leben in Armut oftmals raubt, und sie zu unterstützen, ohne sie dafür betteln zu lassen. Ich werfe es den Frauen nicht vor, sie wollten wahrscheinlich nur Gutes tun, aber auf diese Weise scheint es nicht zu funktionieren. Da ist es besser, direkt an vertrauenswürdige Organisationen zu spenden, als zu kommen und das klamottenwerfend selbst in die Hand zu nehmen.

 

Nochmals Santa und Cochabamba

In der darauffolgenden Woche startete mein Intensivsprachkurs für die in zwei Wochen anstehende Prüfung. Er fand vormittags und nachmittags statt und war insgesamt ziemlich anstrengend. Dadurch, dass wir nun endlich das Ziel vor Augen hatten, war es aber durchzuhalten. So sangen wir zum letzten Mal unsere Cumbialieder, füllten unsere Examensblätter aus und lernten (mehr oder weniger) Vokabeln. Lena und ich aßen jeden Tag eine Salteña und versuchten, nicht die Krise zu kriegen. Das funktionierte auch ganz gut.

Schließlich war es dann so weit, und wir fuhren zum zweiten Mal in drei Wochen nach Santa Cruz. Wieder war es kalt (wenn auch nicht so kalt) und wieder aßen wir viel Eis (wenn auch nicht so viel).  Nach einigen obligatorischen Unklarheiten terminbezüglich fuhren wir Samstagmorgen zu einer Art grauem Betonbunker mit Security Guards, der anscheinend auch eine teure Privatuni ist (dafür würde ich ja nicht bezahlen) und starteten mit unserer Prüfung. Die war so wie man sie sich hätte vorstellen können, nur dass wir zwischenzeitlich mit unseren Examen uns selbst überlassen wurden, überraschte uns dann doch etwas. Während meiner mündlichen Prüfung spazierten fröhlich circa fünf verschiedene Leute hinein und wieder hinaus, aber ich versuchte, mich davon nur begrenzt stören zu lassen. Am Abend grillten wir in unserem Hostel und feierten das Ende dieser Etappe unseres Bolivienjahrs.

Die Woche danach war ganz vom wichtigsten Feiertag des Departamentos Chuquisaca geprägt: dem 25. Mai. Dort wurde der Kampf um die Unabhängigkeit im Jahr 1809 begonnen. Dienstag war die Parade der Schulen und der Kindergärten, Mittwoch marschierten das Militär und andere Organisationen. Die Innenstadt war teilweise nicht passierbar und überall gab es Feiern, Konzerte und sonstige Aktionen. Sowie die „Feria de Chocolate“, auf der sich die Schokoladenhersteller Boliviens präsentierten und Sachen wie Eis, Gebäck und typische Gerichte Boliviens mit Schokosauce verkauften. Schmeckte…interessant.

Da die ganze Woche feriada war und wir nur am Dienstag die Verabschiedung eines Freiwilligen aus Frankreich hatten, wurde beschlossen, übers Wochenende in die viertgrößte Stadt Boliviens, Cochabamba, zu fahren. Dort besichtigten wir die riesige Cristostatue (sie misst 33m, das macht sie größer als die in Rio), auf die man per Teleferico kam. Nachher besuchten wir ein altes Nonnenkloster, in dem die Nonnen früher ohne Kontakt zur Außenwelt eingesperrt waren. Dies blieb so bis 1956. Hinein kamen nur die Töchter der reichsten Familien Cochabambas, sodass es als höchste gesellschaftliche Ehre anerkannt war, eine Tochter im Konvent zu haben. Es wurde 1760 im Barrockstil errichtet. Wie in vielen bolivianischen Kirchen und Klöstern finden sich auch in diesem Konvent Elemente indigener Kunst, die mit hispanoamerikanischen Elementen verwoben wurden. Die Autoren vieler Gemälde sind unbekannt, da es sich um Indigenas handelt, die gesellschaftlich als Künstler nicht anerkannt wurden. Es ist für mich immer sehr spannend zu sehen, wie damals in Bolivien zwar versucht wurde, Kopien der europäischen Originalbauwerke herzustellen, oft herrschte aber entweder Unwissenheit über die notwenigen architektonischen Kenntnisse oder Materialmangel oder es traten andere Hindernisse auf.

Samstag fuhren wir in den Regenwald, in ein Dorf namens Villa Tunari, um uns auch mal die Vegetationszonen Boliviens anzuschauen, die wir sonst nicht sehen. Das Klima war auch sofort sehr viel feuchter und meiner Meinung nach unangenehmer. Etwas außerhalb besuchten wir ein Reservat, in dem es sowohl Tiere als auch diverse Pflanzen gab. So zum Beispiel einen Zimtbaum, einen Kautschukbaum und viele Kokapflanzen so wie einen Baum mit irrsinnig langen  überirdischen Wurzeln. Sehr klischeemäßig hängten wir uns auch an eine Liane. Sonntag kehrten wir zurück und machten gar nichts.

 

Tarija und Santa Cruz

Inzwischen bin ich schon lange wieder in Sucre stationiert, und der Abflug rückt unerbittlich näher. Die einen in der WG fiebern darauf hin, die anderen freuen sich gar nicht. Ich denke, ich stecke irgendwo in der Mitte.

Die Arbeit hat sich etwas verändert, unser alter Fahrer Vladi, arbeitet nicht mehr mit uns, und einige der Freiwilligen haben gewechselt. Der Englischunterricht ist noch wie vorher: ich versuche, die einfachsten Vokabeln in ein paar unruhige Schreihälse reinzutrommeln. Wir spielen viel,  singen tolle Liedchen und machen Blödsinn.

Mit der Escuela Móvil hatten wir ein erneutes Taller, bei dem es um „die gute Behandlung und die Kultur des Friedens“ ging. Zunächst wurden ein paar Liedchen vom neuen Fahrer, Marco, gesungen, und dann gab es ein One-Woman-Theaterstück über Emotionen, darunter Scham, Trauer und Freude. So wurde in einer Szene beispielsweise ihr Hund überfahren, woraufhin sie traurig war, aber in der nächsten bekam sie einen neuen geschenkt, was sie glücklich machte. Danach wurden Collagen geklebt, mit Bildern aus Zeitungen, von denen die Kinder sich das aussuchen sollten, was für sie am besten „Buen Trato“ darstellt. Für manche waren das jubelnde Fußballspieler. Und da in den Zeitungen viele Bilder von Evo sind, war es für viele auch Evo, der irgendwen umarmt oder Laptops verschenkt.  Als Verköstigung gab es einen leckeren Linseneintopf.

An einem Wochenende fuhren wir nach Tarija, eine Stadt im Süden Boliviens, die auf 1873 Metern liegt. Dort ist es etwas wärmer, und die Region um Tarija ist von Weinbergen geprägt. Deshalb ist Tarija Boliviens Weinstadt, alle wichtigen Weinproduzenten befinden sich in der Umgebung.  Aus diesem Grund war unser erster Programmpunkt auch eine Weintour. Diese führte durch mehrere Weingüter.  Auf dem ersten befanden sich die Maschinen für die Herstellung von Singani, einem bolivianischen Traubenschnaps, der hier sehr beliebt ist. Wirklich sehr beliebt. Darauf folgten noch einige weitere Weingüter, auf denen man das Endprodukt natürlich auch probieren durfte. Nach der Weinprobe streunten wir noch ein bisschen durch Tarija, das sehr schön und sehr „tranquilo“ ist, noch mehr „tranquilo“ als Sucre, wie uns diverse Menschen berichteten. Am Abend fand eine Entrada statt, bei der ich das erste Mal die typischen Tänze der Afrobolivianer sah, die in Sucre kaum repräsentiert sind.  Am nächsten Tag fuhren wir zu einem Fluss in der Nähe,  wo man mit den Füssen im Wasser ausspannen konnte und wurden von einigen chapacos (tarijeños) zu gegrillten frischen Fisch eingeladen, der wirklich sehr lecker war.

Eine Woche später fuhren wir nach Santa Cruz um Theresa zu verabschieden, die drei Monate mit uns zusammen gewohnt hatte und quasi ein Teil der WG geworden war. Nun reiste sie schon wieder nach Deutschland ab. In Santa Cruz begrüßte uns erst mal eine Kälte, die wir nicht erwartet hatten. Das letzte Mal, dass ich in Santa Cruz gewesen war, im August nämlich, war es so heiß gewesen, dass man sich ohne Klimaanlage nicht vom Fleck bewegen wollte. Diesmal pfiff uns Polarwind um die Ohren. Ok, vielleicht kein Polarwind, aber es war kalt, und wir hatten hauptsächlich kurze Klamotten mitgebracht. So beschlossen wir, die Kälte zu ignorieren, und aßen viel Eis. Den Donnerstag verbrachten wir dann mit der Suche nach einem offenen Tattoostudio, da Sophia und Theresa sich piercen lassen wollten und ich mir ein Tattoo zulegen wollte. Bis wir herausfanden, dass die Tätowierer in Santa Cruz erst nachmittags aufmachen, verging einige Zeit. Schließlich war es so weit, und wir ließen einen Mann namens Javier mit Nadeln unsere Haut malträtieren.

Am nächsten Tag ging Theresas Flieger, und es war alles sehr traurig und sehr komisch, dort zu stehen und zu wissen, dass man selbst in drei Monaten wiederkommen würde um dasselbe zu tun. So langsam sind wir alle dabei, uns damit abzufinden.

 

 

Pujllay & Ojo del Inca

Als ich nach der ersten Woche nach Sucre zurückkehrte, war alles anders. Ich erfuhr, dass sich meine Zimmergenossin Clara dafür entschieden hat, vorzeitig abzubrechen. Sie hat während der gesamten acht Monate, die sie hier war, mit gesundheitlichen Problemen gekämpft und hat deswegen nie wirklich Fuß gefasst. Inzwischen ist sie schon weggeflogen, und ich habe somit ein Einzelzimmer.

Am Sonntag hatten wir ein wenig konstruktives Gespräch mit Arturo, in dem wir nochmals für den Zustand unserer Küche verantwortlich gemacht wurden und einige von uns als charakterschwach bezeichnet wurden. Insofern war ich froh, als ich am Montag wieder nach Cajamarca zurückkehren durfte.

Das gestaltete sich allerdings komplizierter als gedacht. Als ich endlich die Micro gefunden hatte, die mich zu dem Ort bringen würde, von dem ich dann ein Taxi nehmen können würde, das mich wiederum zu dem Ort bringen würde, von dem ich nach Cajamarca laufen können wurde, ging es auf halber Strecke nicht weiter. Ein LKW war in die Seite der Micro reingefahren, Glas splitterte und Leute schrien. Es war niemand verletzt, aber was folgte, war eine Auseinandersetzung des Microfahrers mit dem LKW-Fahrer. Dieser schien besoffen zu sein. Er fuhr einfach davon und der Microfahrer nahm die Verfolgung auf. Somit sah ich mich nach einer anderen Beförderungsmöglichkeit um und ließ mich direkt bis Cajamarca fahren.

Am Wochenende fuhr ich nach La Paz, um einige Kollegen von der Arbeit zum Flughafen zu begleiten, da ihr Freiwilligendienst nach einem halben Jahr bereits beendet war und sie zurück nach Europa flogen. Mir wurde bewusst, dass mir ein halbes Jahr hier in Bolivien viel zu wenig gewesen wäre und dass ich sehr froh war, dass mir noch ein paar Monate blieben.

Das Wochenende darauf fuhren wir am Samstag zu heißen Quellen bei Potosí, die sehr heiß und inmitten einer traumhaften Berglandschaft lagen. Am Sonntag war in Tarabuco Pujllay, eine Art Erntedankfest, das ursprünglich sehr traditionell war und auch immer noch ist, mit Tänzen und Kostümen und einem Pfahl, an dem Lebensmittel, unter anderem auch ganze Kühe und Butterdosen, aufgehängt werden. Auf der anderen Seite war die ganze Sache auch ziemlich Gringo-überrannt, die aber hauptsächlich nur rumstanden und Bier tranken.

Auch Evo ließ sich blicken, und sich seine Wahlniederlage nicht anmerken. Er hatte ein traditionelles Tanzgewand an (in dem er auch tanzte) und ließ einige rhetorische Klassiker vom Stapel. Der Gouverneur von Chuquisaca (Esteban)stand neben ihm und zog ununterbrochen Fratzen.

In der letzten Woche in Cajamarca haben wir eine Flagge gepflanzt, nämlich die Wiphala, die Flagge der indigenen Bevölkerung, die seit 2009 der bolivianischen Nationalflagge gleichgestellt ist. Zuerst sind wir motorsägeschwingend durch den Wald gerast, dann haben wir sie aufgestellt. Jetzt werde ich beim CERPI weitermachen und im Mai geht auch der Sprachkurs weiter. Dann geht es in die intensive Vorbereitung für die Prüfung.

 

Cajamarca

Vor einigen Wochen hatte ich mit zwei anderen aus dem Hostel einen Ausflug in das ökologische Zentrum Cajamarca eine halbe Stunde außerhalb von Sucre gemacht. Es ist ein Zentrum, das vor 25 zur Seminarabhaltung fern der Stadt von Annelie Demel gegründet wurde. Später entwickelte sich das ganze eher zu einem Aufforstungsprojekt. Die Berge um Sucre herum waren kahl, bis in den Achtzigern von einigen Professoren und Studenten Sucres beschlossen wurde, mit der Aufforstung zu beginnen. Dies wurde von Frau Demel weitergeführt und auch heute noch werden jährlich viele Bäume gepflanzt.

Im Laufe unseres Besuchs kam uns die Idee, dass, da die ganze Geschichte auch ein IJFD-Projekt ist, wir dort vielleicht ein bisschen mitarbeiten könnten. Die Verantwortlichen dort fanden die Idee super, auch Max Steiner, den wir beim Zwischenseminar darauf ansprachen, hatte nichts dagegen, und so fuhr zunächst Sophia für einen Monat hin.

Sie hatte eigentlich vorgehabt, länger zu bleiben, aber Arturo machte ihr bezüglich dessen einen Strich durch die Rechnung. Nachdem auch ich alles mit meiner Arbeitsstelle abgeklärt hatte, stand meinem Aufenthalt nichts mehr im Weg. Bei mir war von vorneherein geplant, dass ich nur einen Monat bleibe, da meine Arbeitsstelle mich nicht länger entbehren wollte und ich ja auch dort ziemlich zufrieden bin.

Ich fuhr also Anfang März das erste Mal hoch in das Zentrum. Schon der Weg ist abenteuerlich, er ist nicht asphaltiert, vom Regen zerfurcht und eigentlich nur mit Geländewagen  zu passieren. Oben gibt es nicht wirklich Strom, die Lampen werden durch Solarstrom bedient, sind aber schon etwas älter, sodass man sich sein Licht gut einteilen muss, ebenso wie den Handyakku. Man hat allerdings weder Handy- noch Internetempfang, insofern ist das halb so schlimm.

Ich war nach Cajamarca gekommen in der Erwartung, dort alleine zu sein und meine Ruhe zu haben vom stressigen WG-Alltag. Dem war aber absolut nicht so. Als ich ankam, warendort noch drei reisende Berliner stationiert, und im Laufe der Zeit kamen immer mehr Freiwillige dazu, die meisten deutsch. So war es auch nichts mit dem intensiven Verbessern meiner Spanischkenntnisse.  Trotzdem war es sehr erholsam, den ganzen Tag in der Natur zu sein, keinen Autolärm zu hören und nicht ständig durch irgendwas abgelenkt zu sein.

In meiner ersten Woche schlief ich dann auch die ersten Nächte alleine im Freiwilligenhaus, das aus Holz besteht und tatsächlich von Freiwilligen gebaut wurde. Es ist sehr gemütlich, aber auch etwas undicht und deshalb wird es in den kalten Nächten von Cajamarca etwas frisch. Ich schlafe inzwischen mit zwei Decken und einem Schlafsack, und damit ist es dann auch nicht mehr kalt.

Die Arbeit ist immer unterschiedlich. So habe ich in meiner ersten Woche zum Beispiel viel Unkraut gezupft, aber auch ein paar Bäumchen gepflanzt. In der zweiten Woche habe ich geholfen ein Beet umzugraben, und ansonsten haben wir Bäume im Wald eingesetzt. In der dritten wurden Zwiebeln entunkrautet und die Errichtung eines neuen Hühnerstalls wurde gestartet. Zu diesem Zweck warfen wir riesige Felsbrocken durch die Gegend.

Hühner gibt es nämlich auch in Cajamarca. Morgens um sechs lasse ich sie aus ihren Ställen raus und füttere sie manchmal auch. Ihre Eier kann man bei Doña Aleja kaufen, einer Frau, die seit vielen Jahren in Cajamarca lebt und in der Nähe geboren wurde.

Essen muss man sich selbst mit nach Cajamarca bringen. Wenn noch andere Freiwillige zur Stelle sind, kocht man häufig gemeinsam, ansonsten muss man am Wochenende immer genug einkaufen. Das funktioniert erstaunlich gut, auch wenn am Ende der Woche das Gemüse meist nicht mehr das frischeste ist.

Arbeiten tue ich in Cajamarca nur vormittags, was bedeutet, dass ich mich nachmittags anderen Beschäftigungen widmen kann. Es gibt um das Zentrum herum viele tolle Wanderwege und einen Fluss, zu dem man hinuntersteigen kann.  Zudem bin ich endlich mal wieder zum Lesen gekommen.

In Cajamarca gibt es auch ein Pferd, es läuft frei herum und ist nicht der größte Menschenfreund. Trotzdem hat eine andere Freiwillige es ein paarmal eingefangen und wir haben ein paar Runden durch den Wald gedreht.

 

Zurück in Sucre

Angekommen war alles erst einmal sehr entspannt. Die nächste Woche waren die meisten anderen noch unterwegs, und so genossen wir die Stille im Hostel. Zunächst waren wir zu zweit, und nach ein paar Tagen dann zu viert. Wir hatten viel Spaß und den Gedanken, dass eine Vierer-WG jetzt auch nicht das blödeste wäre. Ich ging mit meinen Arbeitsfreunden auf ein Holifestival und das Leben war insgesamt angenehm.

Eine Woche später begann allerdings auch schon unser Zwischenseminar. Das machte uns allen nachdrücklich deutlich: die Hälfte ist vorbei. Das Seminar an sich war teilweise interessant, teilweise nicht interessant und teilweise doof. Interessant war das, was uns über die Geschichte, Geologie und Politik Boliviens berichtet wurde, weniger interessant war, was uns die Psychologin über der Machismus in Bolivien zu erzählen hatte und enttäuschend waren die Reaktionen der Verantwortlichen auf die Präsentationen, die wir über unsere Arbeitsstellen halten mussten. Arturo machte die Freiwilligen höchstpersönlich für ihre Probleme in den Einsatzorten verantwortlich und ging wenig bis gar nicht auf Kritik ein.

An einem Abend hatten wir ein Selbstvereidigungsseminar, das mir wirklich Spaß gemacht hat und am nächsten Tag gingen wir auf einem Inkapfad wandern. Am letzten Abend wurde auf dem für 8000 Dollar importierten Grill gegrillt, und danach besoff sich Arturo mit einigen ehemaligen Militärkumpanen. Anscheinend geriet alles ein wenig außer Kontrolle und den nächsten Seminarlern wurde das Feiern im Hostel verboten.

Das weltwärts-Seminar war in der nächsten Woche, und wir gingen wieder arbeiten bzw. zum Sprachkurs. Dort musste ich erst einmal Die Verwandlung auf Spanisch lesen. Zu diesem Anlass erinnerte ich mich wieder an mein Abitur, das auch inzwischen fast ein Jahr zurück liegt.

Auch Karneval kam, was in Bolivien eine riesige Angelegenheit ist. In Oruro, der Stadt, die allgemein als die hässlichste Bolivien bezeichnet wird, findet jedes Jahr der größte traditionelle Karneval Südamerikas statt. Dort wollten wir eigentlich hinfahren, daraus wurde dann aber nichts. Das lag an den Blockaden, die über das ganze Land verteilt waren. So war das Land quasi lahmgelegt. Die LKW-Fahrer hatten beschlossen, dass sie eine bestimmte Steuer nicht mehr bezahlen wollen, und hatten ihre LKW quer über die wichtigsten Straßen Boliviens gestellt. Nichts ging mehr, und wir saßen in Sucre fest.

Karneval in Sucre macht wenig Spaß. Der Gag ist, dass tagelang Wasserbomben geschmissen werden. Wo immer man hinwill, wenn man ankommt ist man nass. Wenn man Glück hat, ist man nur nass, wenn man Pech hat, tun einem auch noch diverse Körperteile weh, denn die Bomben werden nicht gerade mit besonders viel Rücksicht geworfen. Was ganz lustig war, war der Donnerstag vor Karneval. Da ist Comadres,  und viele Clubs lassen nur Frauen rein. Wir kauften uns ein paar Flaschen Wein und zogen durch die Stadt. Dort trafen wir einige tanzende Mädchen, von denen wir mitgezogen wurden.

Ganz interessant sind die Opferfeuer, Ch’alla genannt, die in der Karnevalszeit überall angezündet werden. In ihnen sind Kokablätter und Kräuter. Zudem wird Schaum in Sprühflaschen verkauft, mit dem die Kinder Passanten vollsprühen. Auch Luftschlangen und Silvesterböller gehören zu den Verkaufsschlagern. Auch „Leche de Tigre“, Tigermilch, trifft man überall an. Das ist ein Gemisch aus Milch, Ei und Singani.

Auf der Arbeit zündeten wir auch ein Feuer an und kippten für Pachamama Alkohol in die Ecken. Dasselbe taten wir in jedem Raum des Cerpis. Es riecht deshalb auch immer noch etwas seltsam. Am Abend war eine Feier, bei der –wer hätte es gedacht – alle nassgemacht wurden.

An Karneval selbst gab es eine Entrada, die absolut unlustig war, da sich sowohl die Zuschauer als auch die Tänzer permanent im Kreuzfeuer befanden.  Oruro selbst hat einen riesigen Verlust gemacht, da aufgrund der Blockaden wenige Menschen überhaupt die Stadt erreichen konnten.

Bei der Arbeit ging in den ersten Monaten des Jahres erst mal gar nichts. Die Finanzierung für die Escuela Móvil fehlte, und so saßen wir teilweise nur in der Gegend rum. Irgendwann fing dann der Hausaufgabensaal wieder an, und die Freiwilligen gaben ein bisschen Englischunterricht. Zudem wurde es wieder leerer im Hostel, da Svenja einen weiteren Monat mit ihrem Projekt in La Paz verbrachte, Karima in Cochabamba war und Sophia in Cajamarca, einem Waldaufforstungsprojekt etwas außerhalb von Sucre.

Im Laufe dieser Wochen traten zunehmend mehr Probleme mit Arturo auf. Er ignorierte unsere Beschwerden über unsere defekte Küche, fuhr mehrere heftige Charakterangriffe gegen einige von uns und verweigerte seine Hilfe im Bezug auf Einsatzstellenwechsel. So sahen wir uns gezwungen, Volunta in Deutschland und Max Steiner zu verständigen, die uns auch ihre Hilfe zusagten.

Am 22. Februar fand ein weiteres nationales Referendum statt. Diesmal ging es um die Frage, ob Evo Morales sich im Jahr 2019 ein weiteres, viertes Mal zur Wahl stellen lassen kann, eine Sache, die eigentlich durch die Verfassung, die er selbst 2009 verabschiedet worden ist, verboten wurde. In den Tagen zuvor wurde kein Alkohol verkauft, Bars schenkten nur Saft aus und am eigentlichen Referendumstag fuhren keine Autos. Die Aufmärsche der MAS-Jünger und die ganzen angepinselten Mauern konnten Evo nicht helfen, er verlor in fast allen Bundesländern und wertete das Ganze als eine Absage an ihn höchstpersönlich, was es wahrscheinlich auch war. In den Tagen vor der Abstimmung war nämlich ein Skandal aufgedeckt worden: eine seiner Ex-Freundinnen war in den Jahren seit ihrer Trennung zur Chefin der größten chinesischen Firma Bolivien avanciert und hatte Regierungsaufträge im Wert von 500 Millionen Dollar eingestrichen. Anscheinend war nicht alles mit rechten Dingen zugegangen und die gute Frau musste ins Gefängnis. Evo behauptete, nichts mit der ganzen Sache zu tun gehabt zu haben, dass er sie niemals wieder gesehen hätte, und dass Fotos von den beiden zusammen ohne sein Wissen über ihre Identität entstanden seien. „Ihr Gesicht kam mir bekannt vor“ sagte er über die Frau, die seine Freundin gewesen war. Tatsächlich hatten die beiden ein Kind zusammen, von dem bisher angenommen wurde, dass es im Säuglingsalter verstorben war. Wie sich nun herausstellte, war das nicht der Fall. Das Kind lebt und die Nation ist in Aufruhr. Viele denken allerdings, dass der Telenovela-Aspekt der Geschichte zur Ablenkung vom eigentlichen Korruptionsskandal dienen sollte. Es wird geglaubt, dass das ganze Drama zu Evos Niederlage beitrug.

An den Wochenenden unternahmen wir einige Ausflüge, so zum Beispiel nach Yotala, einem Dorf in der Nähe, in dem es Schwimmresorts gibt.