Überraschender Arbeitsbeginn

Am Morgen von Claras Geburtstag stand um neun Pedro, einer der Rezeptionisten, in der Tür. „Franjica?“ Schlaftrunken steckte ich meinen Kopf hervor. „Sí?“ „Vas a trabajar.“ „Sí… cuando?“ Auf einmal dämmerte es mir. „Ahora? Hoy?“ „Sí.“ Fünfzehn Minuten später stand ich also, immer noch etwas verschlafen, in der Rezeption. Pedro war mit der Tatsache, dass niemand mich vorgewarnt hatte, auch nicht vertraut, schien sich aber eher darüber zu amüsieren als ich, die jetzt anscheinend mit dem Kopf zuerst ins kalte Wasser geworfen wurde. Dem war dann auch so. Nach ca. sieben Minuten Fußweg waren wir da, in der Einrichtung „CERPI“, die für das nächste Jahr meine Arbeitsstelle sein sollte.

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Irgendwo in Sucre

Nach einigem Warten wurde ich in den „Sala de Tareas“, den Hausaufgabensaal geführt. Pedro fragte mich noch, ob ich denn den Weg zurück wüsste, was ich unbedachterweise mit „Sí“ beantwortete, und los ging es. Nachdem ich mich den beiden dort arbeitenden „Profes“ vorgestellt hatte, saß ich zunächst etwas verloren in der Gegend rum. Die Kinder saßen an verschiedenen Tischen, machten Hausaufgaben oder lärmten. Keines schien meine Hilfe gebrauchen zu können. So ging mal zum einen, mal zum anderen Tisch und schaute in die Hefte und Bücher der Kinder hinein. Viel wurde aus Wörterbüchern abgeschrieben, gemalt oder gerechnet. Und dann traf ich auch ein Kind an, das Hilfe benötigen zu schien. Leider mit den Mathehausaufgaben – schriftliche Division. Diese habe ich aber erstens leider nicht mehr ausgeführt, seit ich in der siebten endlich einen Taschenrechner benutzen durfte, zweitens war sie schon davor nicht mein Spezialgebiet und drittens kam mir die Rechenmethode, die hier praktiziert wurde, gänzlich unbekannt vor. So konnte ich diesem Mädchen leider nicht besonders gut helfen, sonders quittierte ihre Fragen immer nur mit Gegenfragen: „Was machst du gerade? Wieso machst du das? Kannst du mir das erklären?“ Konnte sie nicht. Ich werde Mathenachhilfekurse nehmen müssen.

Um zwölf konnte ich dann nach Hause gehen, zumindest theoretisch. Praktisch habe ich mich natürlich erst mal komplett verirrt. Ich kam an Marktständen vorbei, an noch mehr Marktständen und schließlich war ich in einem Wald aus riesigen Marktständen, aber ich hatte leider keine Ahnung wo ich war und wo ich hinmusste. Und so fragte ich bestimmt sechs verschiedene Leute: „Dónde está la Calle Guillermo Loayza?“ Konnte mir aber leider niemand so genau sagen. „Da hinten“ war die Antwort, die ich am häufigsten hörte und mit der ich natürlich auch am meisten anfangen konnte. Eine Stunde später, ich war schon fast am verzweifeln, sah ich endlich das „Hostelling“-Schild am Horizont auftauchen, das mir den Heimweg wies. Und wer meinen Orientierungssinn kennt, den überrascht jetzt nur, dass das bisher das einzige Mal war, dass ich mich verlaufen habe.
Später an diesem Tag sind wir zur Feier von Claras Geburtstag noch ins „Café Mirador“ gegangen, von dem aus man einen wunderschönen Blick über die ganze Stadt hat. Dort habe ich Maracujasaft mit Milch getrunken – wie in Spanien gibt es hier viel Saft mit Milch – und wir konnten tanzende alte Männer im Anzug beobachten. In den Händen hatten sie Puppen, deren Bedeutung mich brennend interessieren würde, die ich aber leider nicht kenne.

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Der Frühstückslaster

Seither war ich noch zweimal bei der Arbeit. Ich bin noch nicht so ganz angekommen und eingearbeitet, aber ich denke, das wird jetzt mit jedem Tag besser, so wie hoffentlich auch mein Spanisch. Bei den Hausaufgaben fällt auf, dass viele ein patriotisches Thema haben. Die „Väter des Vaterlandes“ müssen da abgezeichnet werden, Texte, die von der Vielfältigkeit und Schönheit ebenjenes Vaterlandes schwärmen, werden abgeschrieben, und bolivianische Flaggen findet man zu genüge in jedem Arbeitsheft. In der Einrichtung bekommt jedes Kind morgens Regierungsfrühstück. Das halte ich für eine sinnvolle Maßnahme, da mir auch von einer der Lehrerinnen erzählt wurde, dass viele der Kinder zuhause kein Frühstück bekommen. Es besteht meist aus einer Banane und einem Brötchen, dazu gibt es Milch oder Jogurt in Tüten. Auch ich bekomme es jeden Morgen.

In der WG fühle ich mich nach wie vor wohl, auch wenn ab und zu mal riesige Spinnen auftreten und die sich Zimmersituation geändert hat. Ich wohne jetzt mit Kira, einer Selbstzahlerin, die kein ganzes Jahr in Bolivien und noch kürzer in Sucre bleiben wird, zusammen. Clara ist ausgezogen, hat mir aber versichert, dass es nicht an meinem Odeur liegt. Mit ihr hat sich unser Schrank verabschiedet, und Papa Arturo hat jetzt verlauten lassen, dass das wohl von uns bezahlt werden müsse. Ich hoffe, diese Situation lässt sich bald klären, weil so ein Schrank schon etwas Nützliches ist.

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Irgendwo außerhalb von Sucre

An einem der Abende, ich kann mich leider inzwischen bei nichts mehr daran erinnern, wann es war, hat einer der Rezeptionisten zwei andere aus der WG und mich auf das Dach des Hostels geschleppt. Hinaufzukommen war zwar abenteuerlich, aber der Blick über die nächtliche Stadt hat das mehr als wettgemacht. Ich hoffe, dass Don Arturo diesen Blog hier nicht liest, weil der anscheinend ein Problem mit dem auf-dem-Dach-herumgekraxele hat. Wieso nur? Eigentlich kann Arturo glücklicherweise kein Deutsch, auch wenn manche ehemaligen Freiwilligen das bezweifeln. Meine Meinung zu diesem Thema ist noch nicht endgültig festgelegt.

Samstag waren wir bei einem Straßenfest, das von der Organisation, in der Svenja –eine WG-Mitbewohnerin – arbeitet, organisiert wurde. Die Organisation heißt „Nueva Esperanza“, neue Hoffnung, und arbeitet mit körperlich Behinderten. Es gab leckeres Essen, und man konnte zusammen in der Sonne sitzen. Ich habe eine „Sopa de Mani“ gegessen, eine Suppe mit Kichererbsen, Fleisch, Möhren und noch einigen anderen Zutaten gegessen. Muy rico.

Am Abend sind wir noch in die Bar gegangen, die wir schon vom Springbrunnenabend kannten. Auf dem Rückweg haben wir uns zu elft in ein Taxi gequetscht, eine Sache, die nun langsam schon zur Gewohnheit wird. Drei sind im Kofferraum gefahren, der leider keine Fenster hatte und deswegen offen bleiben musste. Man bezahlt aber tollerweise nur drei Euro für diese elf, sodass Taxifahren nicht viel teurer als Microfahren ist.

Gestern haben wir mit einem Großteil der WG Chilltag gemacht und erst mal mit unserem neuen Sandwichmaker Käse-Schinken-Sandwiches gemacht und dann in der Sonne gefrühstückt. Nachher haben wir noch mit unserem neuen Mixer die Küche unter Bananenmilch gesetzt, haben aber auch alles wieder aufgeräumt, und uns so an unsere künftigen Putzpflichten gewöhnt.

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2 Gedanken zu „Überraschender Arbeitsbeginn“

  1. Liebe Franziska,

    das ist ja wirklich zuweilen lustig, was du da schreibst!!

    Mach doch mal ein Foto von dem Dach herunter und stelle es in Deinen Blog.

    Hoffentlich macht Dir die Arbeit bald Spaß. Es dauert sicher ein bisschen, die Kinder kennen zu lernen und ihr Vertrauen zu gewinnen.

    Freue mich auf weitere Einträge,

    Mama

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    1. Hi Mama, Foto vom Dach ist leider schwierig weil Philipps Kamera, toll wie sie ist, leider nicht die schönsten Nachtfotos macht. Zudem findet Arturo es nicht so gut, wenn wir aufs Dach gehen, deshalb sind wir da auch nicht so oft. Arbeit ist schon viel besser, kommt im nächsten Eintrag. Bis bald!

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