Escuela Móvil, Reiten und Fiesta

In meiner zweiten Arbeitswoche wurde ich in der Escuela Móvil eingesetzt. Das ist ein Van, der mit Spielutensilien bepackt durch Sucre fährt und an unterschiedlichen Orten Kinder bespaßt. Meiner Meinung nach ein wirklich super tolles Projekt, und ich bin sehr froh, dass ich daran teilhaben darf. Zusätzlich zu den Spielsachen sind auch noch Gladys, die Gründerin und Chefin, Vladi, der Fahrer und zwei wechselnde Freiwillige im Wagen. Eine dieser Freiwilligen werde für das nächste Jahr ich sein. Die andere entweder Cathy aus Frankreich oder Laura aus Hamburg. An meinem ersten Tag sind wir in ein Außenviertel von Sucre gefahren, wo die Kinder schon auf den Wagen zugerannt kamen. Der Grund war, wie sich herausstellte, dass ihnen in der Woche zuvor ein Schwimmbadbesuch versprochen worden war. Diesen hatten Gladys und Vladi aber leider vergessen. Nach einer kurzen Trauerphase wurde beschlossen, dass man in den Parque Bolívar gehen würde. Das ist ein großer Spielpark für Kinder mit riesigen Rutschen, Schaukeln und anderen tollen Dingen. Ein dreijähriges Mädchen beanspruchte mich auch sogleich für sich und scheuchte mich mindestens fünfzehn Mal die Dinosaurierrutsche hoch und runter. Nach einer Weile wurden die Kinder wieder eingesammelt, was genauso schwierig war, wie es sich anhört. Wir hatten es nämlich irgendwie geschafft, 25 Kinder in den Kleinbus zu stopfen, und sechs von diesen fehlten am Ende noch. Nach viel Gebrüll und Gerenne konnten sie aber alle wieder eingefangen werden. Nachdem sie wieder in ihrem Außenbezirk abgeliefert worden waren, aßen Gladys, Vladi, Ivan – ein Freiwilliger aus Frankreich, der inzwischen wieder abgereist ist und eigentlich Youenn heißt – und ich noch eine Empanada vom Straßenrand, die wirklich sehr lecker schmeckte. Gladys unterhielt sich unterdessen mit der Verkäuferin und ihrer Tochter über ihre Situation und ihre Probleme.

Der zweite Tag gestaltete sich etwas anders: Wir fuhren zwar ebenfalls mit der Escuela aus Sucre raus, dort ging es aber darum, mit den Anwohnern über die mögliche künftige Teilnahme ihrer Kinder an der Escuela Móvil zu reden. Wir wurden in Häuser geführt, und auch ein sehr beeindruckendes Lehm-Gewächshaus wurde uns gezeigt: die Familie hatte es mit einem selbstgebauten Regenwasser-Bewässerungssystem geschafft, Pflanzen wie Spinat, Tomaten, Schnittlauch, Oregano und noch vieles mehr anzubauen. Auch Pfirsiche gab es im Garten, die wir dann probieren durften. Dort war es auch, dass ich das erste Mal Quechua hörte, die Sprache der größten Indigena-Gruppe in Bolivien. Gladys spricht es und konnte sich so mit der Großmutter des Hauses über ihre Rückenbeschwerden unterhalten. In den Außenvierteln leben die Menschen teilweise sehr, sehr einfach. Das war das erste Mal, dass ich das so hautnah erlebt habe, und die kleinen Lehmhäuser haben mich doch erschreckt.

Das dritte Mal fuhren wir mit der Escuela einfach an irgendeinen Straßenrand, an dem die Kinder sich dann um uns versammelten, und dort kam dann auch das erste Mal das Spielmobil zum Einsatz. Das kann man schwer erklären, in Zukunft folgen einige Fotos davon. Am nächsten Tag parkten wir mitten auf einen Marktplatz und machten Bewegungsspiele mit den Kindern von den Marktverkäufern inmitten von Frucht- und Fleischständen. Am Ende werden immer Namen und Alter der Kinder aufgeschrieben, und zusätzlich noch, ob sie auf der Straße leben, drogenabhängig sind, ob sie Eltern haben und ob sie aus dem Viertel kommen, in dem man zurzeit unterwegs ist. Bis jetzt waren noch keine Straßenkinder oder drogenabhängige Kinder dabei, aber Gladys hat erzählt, dass viele von ihnen zwischen Verwandten hin- und hergeschoben werden.

Da die Escuela Móvil freitags nicht ausrückt, verbrachte ich die ersten Stunden dieses Tages in der Ludotheka, dem Ort im CERPI für die ganz kleinen Kinder. Ich machte mit einer zweijährigen Puzzel und erkannte unterdessen, dass ich bei den älteren Kindern besser aufgehoben war. Dennoch beeindruckte mich die riesige Mappe, die es für jedes Kind gibt und mithilfe derer spielend lesen und schreiben gelernt werden soll. Danach war ich wieder im Sala de Tareas und habe abermals erfolglos versucht, Mädchen bei den schriftlichen Divisionen zu helfen. Und dass obwohl einer meiner Mitfreiwilligen inzwischen versucht hat, mir die bolivianische Methode der schriftlichen Division beizubringen, die mir entschieden schwerer vorkommt als die deutsche, obwohl ich gestehen muss, dass ich selbst diese nicht mehr ganz einwandfrei beherrsche.

Am Samstag stand dann ein Theaterstück in der Sprachschule an. In Kleingruppen sollten wir bekannte Märchen adaptieren, entweder in traditioneller oder in moderner Version. Meine Gruppe, die Hansel-y-Gretel-Gruppe hat sich für eine modernisierte Version entschieden. Die Stiefmutter braucht Schönheitsoperationen und deshalb müssen die Kinder verschwinden. In einer Shoppingmall. Die Hexe verschenkt Smartphones und verwandelt sich in einen Cyborg. Am Ende sind die Kinder und der Vater tot.

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Mein Pferd Diego? Staco? Diestaco? Keine Ahnung.

Und am Sonntag fand dann der Ausritt statt. Morgens um halb zehn wurden wir im Land Rover beim Hostel abgeholt, zu den Pferden gefahren und dann ging es los. Über Steine und Hügel in einen Wald, wo schon ungefähr zehn heulende Hunde auf uns warteten. Mein Pferd war zum Glück sehr ruhig, und es trat auch nur einmal nach dem Pferd hinter ihm aus, das ihm kontinuierlich in den Hintern biss. Die Strecke war superschön, man hatte einen sehr tollen Blick auf die Berge um Sucre herum, und uns wurden noch interessante Informationen zu den Steinen gegeben, die man auf diesen Bergen finden kann. Es ist wohl fossiles Gestein, das vor vielen Jahren einmal unter Wasser gewesen war und deshalb porös war. Unser Guide meinte, es stamme aus einer Zeit noch vor den Dinosauriern. Zur Pause gab es Kekse, Obst und die obligatorischen Getränke in Päckchen, an die ich mich jetzt schon gut gewöhnt habe. Man muss sie mit den Zähnen aufmachen und dann daran nuckeln. Sieht gewöhnungsbedürftig aus, schmeckt aber gut. Nach der Pause kam es dann noch zu einem kleinen Eklat, als zwei Pferde beim Galoppieren durchgingen. Und obwohl die beiden betroffenen Mädchen danach sichtbar geschockt waren, ist niemandem etwas passiert und wir konnten wieder zum Hostel zurückgefahren werden.

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Das Schloss Glorieta

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Montag ging es mit der Escuela weiter, um den Kindern abermals mitzuteilen, dass sie am Mittwoch nicht ins Schwimmbad können. Da sollte nämlich die 39. Geburtstagsfeier der CERPI-Überorganisation IPTK stattfinden. IPTK, das heißt „Instituto Politécnico Tomas Katari“, ist eine gemeinnützige Organisation, die in der Provinz Chayanta und im Armengürtel um Sucre tätig ist. Sie wurde 1976 von einem Dr. Franz Barrios gegründet, um extreme Armut, Kinderausbeutung, Korruption der lokalen Autoritäten und die hohe Sterblichkeitsrate zu bekämpfen. Sie bezeichnet sich selbst als Instrument für Dienste, Lösungen und Wandel für die gefährdetsten Bevölkerungsgruppen, ergo Kinder, Frauen, Jugendliche, Bauern und Indigene. In Sucre betreibt sie ein Krankenhaus, eine Radiostation und das CERPI, die Einrichtung in der ich arbeite.

Und am Mittwoch fand dann tatsächlich eine Fiesta statt: zunächst gab es eine katholische Messe, bei der viel bolivianische Musik gespielt wurde, die ansonsten einer deutschen Messe sehr ähnlich war. Die Texte waren teilweise 1:1-Übersetzungen von deutschen Texten. Eucharistie, Glaubensbekenntnis, Ave Maria… Zu meinem Erstaunen erkannte ich einiges wieder. Nach der Messe begannen die Reden: Lauter wichtige und weniger wichtige Persönlichkeiten sprachen dem IPTK ihre Geburtstagsglückwünsche aus, und besagter Dr. Franz hielt eine flammende Rede über den politischen Wandel, der sich seit den 80ern in Bolivien zugetragen hat. Für den Aufstieg der indigenen Bevölkerung verwendete er die Eisbergmetapher: Früher seien vom bolivianischen Leben nur die Spitze des Eisbergs, nämlich die Reichen und die Eliten zu sehen gewesen. Aber seit in den 80ern die Militär-Junta gestürzt wurde und Bolivien sich zu einer Demokratie entwickelt hat und vor allem, seit mit Evo Morales 2005 der erste Indigene zum Präsidenten gewählt wurde, habe sich dies verändert. Nun sei der ganze Eisberg sichtbar: die zuvor marginalisierten könnten am öffentlichen Leben teilnehmen.

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Gobernador Esteban Urquizu

Nach der Rede des Doktors hatte tatsächlich der Gouverneur des Departamento Chuquisaca, in dem Sucre liegt, , einen Auftritt. Er ist eine interessante Persönlichkeit, die ich vor allem wiedererkannt habe, da Plakate mit seinem Abbild über ganz Sucre verteilt hängen. Als er 2010 das erste Mal zum Gouverneur gewählt wurde, war er erst 29 Jahre alt. Er trägt einen Hut und Schnauzbart und gehört derselben linken Partei „Movimiento al Socialismo“ an, in der auch Präsident Evo Morales ist. Sobald er den Raum betrat, zückten alle ihre Smartphones und fingen an zu knipsen. Ich selbstverständlich auch. Mein erster bolivianischer Prominenter! Dieser führte auch den Punkt des Doktors weiter, gratulierte der seiner Meinung nach politisch einflussreichen Organisation und wies sie an, den beschrittenen Weg immer weiter zu gehen.
Nach den Reden gab es auf dem einrichtungseigenen Fußballfeld Salteñas, das sind Teigtaschen, die mit IMG_1643Hühnchen oder Rindfleisch gefüllt sind. Sehr lecker, und wenn man erst mal gelernt hat, dass man sie quasi ausschlürfen muss, dann kippt man sich auch nicht mehr alles über die Klamotten (was mir selbstverständlich schon mindestens dreimal passiert ist). Am Abend gab es eine Feier, die ich leider verlassen musste bevor es das Essen gab, da wir eigentlich geplant hatten, noch mit der WG essen zu gehen, da die erste Lena am nächsten Tag Geburtstag hatte. Als ich aber abgehetzt im Hostel ankam, wurde mir mitgeteilt, dass die Essengehenspläne abgesagt worden waren. Deshalb sind wir dann später noch weggegangen, was sich gut damit traf, dass ich wegen der Fiesta am Donnerstag frei hatte.

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6 Gedanken zu „Escuela Móvil, Reiten und Fiesta“

  1. Hi Franziska, jetzt habe ich endlich deine, Berichte gelesen. Ich bekomme fast Lust ein freiwilliges Jahr zu machen, v.a. weil soviele andere Freiwilligen in der Nähe sind. Hast du Spaß.? So viele neue Eindrücke. Liebe Grüße von Sabine

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  2. Liebe Franziska,

    das ist ein sehr spannender, toller Eintrag mit sooo schönen Fotos. Ich merke, dass es Dir wirklich gut geht und freue mich sehr! Natürlich bin ich überrascht, dass Dir das Projekt mit den Kindern Spaß macht. Es ist sicher eine schöne Abwechslung in ihrem tristen Alltag…

    Tausend Grüße, Mama

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  3. Also ich könnte das nicht mit so vielen Vandalen, wie ich gern kleine Kinder nenne xD Einer ist schon mehr als genug und dann noch 25. Gruselig~

    Scheinst aber richtig viel zu erleben, wo auch immer Bolivien gleich lag :,)
    Die Sprache Quechua hab ich allerdings auch schonmal gehört. Interessant, das hier wiederzufinden.

    Macht mächtig Spaß deine Erlebnisse hier mitzulesen und ich freu mich immer, wenns was Neues von der Obersekretärin gibt *fg*

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  4. Hej Kik,

    danke, daß Du Dir die Arbeit mit dem Blog machst. Und soo angenehm und dabei roiderisch verfasst.

    Wie sind die Kinder zu euch? Sind sie brav? Aufsässig? Frech? Oder einfach nur freudig und handlebar?

    Wie geht man mit euch um? Wie mit Angestellten oder wie mit Praktikanten oder höflicher? Was nervt?

    Darf man sich hier auch was wünschen? Auch was eher asiatisches? Fotos vom Essen!

    BIG HUG und alles Liebe – Inka

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    1. Hey Ink,
      danki! Die Kinder sind teilweise brav, teilweise aufsässig und teilweise auch frech. Es gibt alles, aber im Prinzip funktioniert das alles ganz gut mit mir und denen. Mit mir geht man total super um, man zeigt mir alles aber behandelt mich nicht als Haussklaven. Fotos vom Essen kannst du dir gerne wünschen, mal gucken, wann ich das schaffe.
      BIG HUG zurück!
      Kik

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