Fiestas

Den freien Tag habe ich genutzt, indem ich absolut nichts getan habe. Ein bisschen geputzt und Kaffee gekocht, leider mit Instant-Pulver. Am Freitag war ich morgens im Sala de Tareas, und die Kinder hatten Empathie-Unterricht. Sie mussten die korrekten Arten der Kommunikation definieren und am Ende Handabdrücke auf ein Papier machen.
Zu diesem Zeitpunkt waren unsere bisherigen Mitfreiwilligen, der Rest des IJFD-Programms, in ihre jeweiligen Arbeitsorte, sprich Santa Cruz und La Paz, abgereist. Ohne sie war es zunächst etwas seltsam im Hostel, sehr leise und ungewohnt. Aber auch sehr geruhsam. Dieser Zustand änderte sich wenige Tage später wieder, als die weltwärts-Horde abermals einfiel, um ihren Visumsprozess zu beenden. Und schon gab es wieder Schlangen beim Essen, Internet nur im Schneckentempo und einen vollbesetzten Speisesaal.
Unsere Sucre-WG-Zimmerverteilung hat sich auch schon wieder geändert: Ich wohne nun im Sechserzimmer mit Lena S., Angie und Kira. Das ist eigentlich ganz angenehm, da das Zimmer wirklich riesig ist und schön hell, da es – im Gegensatz zu meinem alten – ein Außenfenster hat, nur tauchen ab und zu ein Paar überdimensionierte Spinnen auf. Lena A. und Sophia wohnen nun in meinem alten Zimmer.

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Auch das Katzendrama ging weiter: Die zwei Katzen, die zurzeit bei uns wohnen, müssen von uns gefüttert werden, und wir müssen, wie Arturo uns mehrfach mitgeteilt hat, die Scheiße wegmachen. Die Katzen wurden von unseren Vorfreiwilligen angeschafft, und wir wurden vor die Wahl gestellt: Katzen durchfüttern oder aussetzen. Inzwischen sind aber dennoch die meisten von uns dafür, diese Katzen loszuwerden. Damit sind die Vorfreiwilligen nicht wirklich zufrieden. Sie beleidigen uns über Facebook. Das vorläufige Ende vom Lied ist jetzt, dass die Katzen dableiben und von Jonas und Clara versorgt werden. Niemand glaubt, dass das auf Dauer funktioniert.
Am Montag der nächsten Woche streikten die Micros. Das heißt, die Microfahrer. Oder eher die Microbesitzer. Auf jeden Fall fuhren keine Micros. Das bedeutete für diejenigen von uns, die jeden Tag mit der Micro zur Arbeit fahren müssen, dass sie frei hatten. Das müssen – wie sollte es anders sein – alle außer mir. Also machte ich mich auf zur Arbeit. Wir waren aber gerade einen unsagbar steilen Berg in der Innenstadt Sucres hochgefahren, als uns plötzlich bewusst wurde, dass wir keinen Sprit mehr hatten. So schoben wir die Escuela um eine Ecke und setzten unseren Weg zu Fuß fort. Das heißt, den Weg in Richtung CERPI, wo ich den Rest des Tages in der Hausaufgabenbetreuung arbeitete.

Dienstag streikten die Micros weiter, und diesmal waren vor den Außenbezirken Sucres sogar Blockaden aufgebaut worden, um die Micros daran zu hindern, in besagte Außenbezirke zu fahren. Deswegen waren wir auch daran gehindert. Wir schnappten also einige Spiele und setzten uns auf den Mercado Central, wo wir mit den Kindern der Marktfrauen spielten. Auf dem Mercado ist lustig, dass ständig irgendwelche europäischen Touristen vorbeikommen und wissen wollen, was wir denn für gute Dinge tun. Als jemand, der gerade einmal einen Monat dabei ist, fühlt man sich ein bisschen schäbig, wenn man vor ihnen quasi die ganze Organisation vertritt, aber es macht auch Spaß, die Arbeit vorzustellen.
Am Mittwoch bekamen wir dann das Angebot, auf der größten Parade Sucres zu tanzen: Der Virgen de IMG_1763Guadalupe. Dieser Tag ist ein großer Feiertag hier, da der Schutzpatronin der Stadt gedacht wird. Fast vier Tage lang wird gefeiert, mit zwei Paraden Freitag und Samstag und sehr viel lautem Drumherum. Freitag wurden auf der Parade die Schulen und Institutionen vorgestellt, und auch eine der Lenas tanzte dort mit ihrer Organisation, die mit geistig und körperlich behinderten Kindern arbeitet. Wir waren am Freitag erst mal Zuschauer und hetzten die ganze Parade entlang, um Lena tanzen zu sehen. Glücklicherweise hatte ich am Freitagnachmittag freibekommen, um hinzugehen. Die Parade an sich war beeindruckend: Tanzgruppe nach Tanzgruppe, alle mit eigener musikalischer Begleitung, wunderschönen Kostümen und tollen Tanzschritten. Bei dem Gedanken daran, dass wir es ihnen am nächsten Tag gleichtun sollten, wurde mir etwas mulmig.

Nachdem wir Freitagabend noch unsere Kostüme bekommen hatten – einige andere und ich ein Teufelskostüm, mehrere ein bolivianische-Landfrau-Kostüm und ein Paar weitere ein Großvaterkostüm, komplett mit Stock und allem – ging es am Samstag los. Wir hatten den Tanz zweimal geprobt und fühlten uns insofern natürlich super vorbereitet. Um Punkt 12 sollten wir da sein, daraus wurde aber leider nichts, da einige der Teufel es mit dieser Zeitangabe nicht allzu genau nahmen. Zudem hatten wir keine Ahnung, wo der Ort war, an dem wir uns eigentlich treffen wollten, und als wir schließlich um eins dort ankamen, war da natürlich keine Sau mehr. Einige von uns waren schon ein bisschen angepisst, aber wir liefen dann einfach ein paar Meter die Straße runter und trafen dort dann auch tatsächlich den Rest der Tanzcrew an. Die waren schon gut gelaunt, mit Bier und Essen in der prallen Sonne, obwohl eigentlich ein Alkoholverbot für die Parade ausgesprochen worden war. Dies wurde auch im restlichen Verlauf des Tages geflissentlich ignoriert.

Ungefähr um drei ging es dann schließlich los mit tanzen, und wir waren eigentlich schon zu diesem Zeitpunkt ziemlich verschwitzt und fertig. Hätten wir geahnt, dass das Ganze bis halb neun dauern würde, hätten es sich in diesem Moment vielleicht auch einige anders überlegt. Im Nachhinein waren wir aber alle sehr froh, IMG_1797dass wir das nicht getan hatten. Bis die Sonne schließlich um halb sieben unterging, war die ganze Angelegenheit zwar sehr anstrengend, wir machten aber viele Pausen und bekamen Essen und Trinken von unseren Tanzlehren, die auch unsere Musiker waren, spendiert. Die Stimmung entlang der Parade war sehr gut, überall wurde uns zugejubelt und die Leute wollten Fotos mit uns machen. Als es dann schließlich dunkel wurde, wurde es sogar noch schöner. Es wurden immer mehr Menschen, die dort am Straßenrand saßen, und irgendwann fiel es einem nicht mehr auf, dass man jetzt auch schon mehrere Stunden lang vor sich hin tanzte. Als wir schließlich angekommen waren, waren wir dennoch ziemlich fertig und dementsprechend erleichtert. Nach einem Hamburguesa vom Straßenrand setzten wir uns in ein Taxi und fuhren geradewegs nach Hause, voll mit Eindrücken und Erlebnissen.
Ein paar Tage später wurde einer von uns in ihrer Einsatzstelle erzählt, dass wir wohl als „extranjeros“, Ausländer, sehr aufgefallen wären. Das bestätigte eine Befürchtung von mir, die ich gehabt hatte. Wir, die Gringos, dringen in eine der ältesten und wohl wichtigsten Traditionen der Stadt ein und maßen uns an, den Menschen, die jedes Jahr seit frühestem Kindesalter für das Gelingen dieses Festes gearbeitet haben, gleichzutun. Auch kann dieses Fest für uns Deutsche gar nicht die gleiche Bedeutung haben, die es für Leute hat, die mit ihm als festem Bestandteil des Kulturlebens aufgewachsen sind und für die es eine Form der Identifikation mit ihrer Heimatregion ist, die Festlichkeiten jedes Jahr zu begehen. Das sind die Gedanken, die ich mir mache, wenn ich über unsere Teilnahme an der Parade nachdenke. Viele der Menschen aber, die uns an diesem Tag begegnet sind, schienen solche Vorwürfe uns gegenüber nicht zu hegen: sie kamen uns freundlich entgegen und schienen unsere Präsenz teilweise nicht nur zu akzeptieren, sondern sogar zu feiern.
Sonntag verging dann verglichen mit Samstag relativ ereignislos. Nur abends wurde irgendwo neben uns beschlossen, noch ein wenig Fiesta zu machen. Und noch ein wenig Fiesta. Das ganze ging bis vier Uhr morgens, und dann wa r ich auch bis vier Uhr wach. Am nächsten Morgen ging es mir dementsprechend wunderbar. Hinzu kamen Bauchschmerzen und ich beschloss, an diesem Tag der Arbeit fernzubleiben. An diesem Tag hatte eine weitere Lena Geburtstag, und das Kuchengebacke und Wasserkochergekaufe ging wieder los. Allerdings nicht von meiner Seite. Ich lag bis eins im Bett. Am Abend fühlte ich mich wieder einigermaßen präsentabel, und so gingen wir zusammen in eines der einzigen vegetarischen Restaurants in ganz Sucre. Dort saßen – Überraschung – nur Europäer. War trotzdem nett.
Dienstag habe ich es wieder mit der Arbeit versucht. Schlechte Idee, wie sich herausstellen sollte. In der Mitte des Mercado Central wurde mir plötzlich furchtbar schlecht. Während Kleinkinder sich mit Bauklötzen abwarfen, ging es plötzlich nicht mehr. So schnappte mich Vladi und bugsierte mich in ein Taxi. Da einen Tag zuvor Christian aus Liechtenstein angekommen war, wurde meine Hilfe auch nicht mehr ganz so dringend benötigt, und so legte ich mich beruhigten Gewissens ins Bett. Dort liege ich auch quasi immer noch, denn heute bin ich noch mal hiergeblieben. Morgen geht es aber wieder weiter. Die anderen hier sind teilweise noch deutlich schlechter dran. Sophia wurde schon ins Krankenhaus bugsiert, und auch Clara ist nicht im Bestzustand.

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Ein Gedanke zu “Fiestas”

  1. Liebe Franziska, ich habe schon mal Deinen ersten Bericht kommentiert, aber der Kommentar scheint bei Dir nicht angekommen zu sein. Wenn Du diese Nachricht erhalten hast, dann antworte mir bitte. Dann werde ich mir gerne die Mühe machen u Dir einen Kommentar schreiben.
    Viele liebe Grüße! Dein Onkel Ulrich

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