La Paz & Todos los Santos

In der Woche meines Geburtstages, der sehr nett war, veranstalteten wir mit der Escuela Móvil ein Theater. Es basierte auf einer Fernsehserie, die in Südamerika scheinbar ausnahmslos jeder kennt: „El Chavo del Ocho“. Es geht um einen Jungen ohne Eltern, der im Kreis seiner Freunde in einem Apartment-Haus wohnt. Das haben wir adaptiert und für die Kinder in ein kurzes Stück über die Menschenrechte umgewandelt. Welche Menschenrechte erfüllen sich bei Chavo? Welche tun das nicht? Das Problem war, dass wir Freiwilligen mit der Serie leider überhaupt nicht vertraut waren und insofern oft von den Kindern Ratschläge zur besseren Umsetzung des Materials bekamen. Alles in allem hat es aber dennoch Spaß gemacht und auch von Mal zu Mal besser funktioniert.

IMG_2540Am übernächsten Samstag fand dann mein zweiter Ausflug in ein Dorf statt. In Tarabuco, zwei Microstunden von Sucre entfernt, gab es eine weitere Entrada zu Ehren der Virgen von Guadalupe, die war zwar weniger groß als die in Sucre, aber dennoch schön. Später kraxelten wir dann noch auf einen kleinen Berg, von dem man eine tolle Aussicht auf die Landschaft hatte. Zu Essen kaufte ich mir einen „Hamburguesa“, der allerdings so aussah: Mais, Kartoffeln und Hühnerfüße mit Soße in einer Tüte, ohne Besteck. Abenteuerlich, aber trotzdem ganz essbar. Sonntag war ich dann krank, mag sein, dass mein Magen mit dieser kulinarischen Anstrengung nicht ganz so gut klargekommen ist.

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In der nächsten Woche gingen Karima, Jonas und ich auf ein Konzert 20151015_221745in Sucres Open-Air-Theater. Die Gruppe hieß „Bronco“ und machte Musik, die ich mir normalerweise nicht unbedingt anhören würde. Es war eine Art Schlager-Latin-Mischung, die ich aber dadurch, dass in dem riesigen Theater eine tolle Stimmung war, nicht so schlimm fand.

Svenja, die jetzt fünf Wochen arbeitstechnisch in La Paz verbracht hat, lud uns für das nächste Wochenende dorthin ein und ursprünglich hatten sechs Leute geplant, mitzukommen. Im Laufe der Tage vor der Abreise 20151017_083032sprangen mehr und mehr ab: teils wegen gebrochenen Zehen, teils wegen Migräne und teils wegen Magenproblemen – Tatsache war, letzten Endes blieben nur Karima und ich übrig. Und so machten wir uns dann Freitagabend nach einigen Komplikationen auf den Weg: für die 12-stündige Busfahrt bezahlten wir circa 7 Euro. Diese verlief auch ohne größere Zwischenfälle. In unserem Hostel angekommen legten wir uns erst mal in den Aufenthaltsraum und schliefen eine Runde. Von dort aus hatten wir nach Sonnenaufgang auch sofort eine supertolle Aussicht auf La Paz, welches zwar nicht die konstitutionelle, aber die eigentliche Hauptstadt Boliviens ist und ca. 757.000 Einwohner zählt. Nachdem wir Api con Pastel gefrühstückt hatten, was ein süßer heißer lila Maisbrei mit frittierten Teigstücken ist – was komisch klingt, aber wirklich lecker schmeckt – trafen wir Svenja auf einem der zentralen Plätze.
Zunächst rannten wir samt Gepäck, Höhenproblemen und Übermüdung auf einen Aussichtspunkt, IMG_2671von dem man dann aber wirklich einen sehr tollen Blick über die Stadt hatte. Dann gingen wir zurück und aßen Forelle in einem Markt. Am Abend hörten auf der Plaza wir zunächst ein paar christlichen Hip-Hop-Künstlern zu und machten uns dann auf den Weg zu einem Charango-Konzert. Charangos sind kleine Saiteninstrumente, ein wenig gitarrenähnlich, nur mit acht Saiten und einem deutlich anderen Klang. Diese sind hier sehr weit verbreitet. Auf dem Konzert wurden außer der Charango auch noch die Quena, eine Flöte, und das Muy-Muy, was eine Gitarre mit zwei Hälsen ist, die man wenden kann, gespielt. Der Charangospieler war einer der bekanntesten Boliviens, dessen Lieder ich auch in einem Charango-Übungsbuch gesehen habe. Er hat auch noch sämtliche andere Instrumente vorgestellt, die er selbst erfunden hat.

Am Sonntag sind wir dann mit einer Gondel, dem Teleférico, nach El Alto gefahren. El Alto ist eine weitere Stadt oberhalb von La Paz, und ist noch größer ist als das eigentliche La Paz. Es ist auch immer noch am Expandieren. Sonntags findet dort immer ein riesiger Markt statt, von einigen Quellen größter Markt Südamerikas genannt. Man findet dort alles: Autoteile, Klamotten, Essen, Elektrogeräte…Und es gibt einige Zweifel daran, ob all diese Waren legal erworben wurden. Ich habe mir ein paar Zwei-Euro-Kopfhörer gekauft, die zumindest bis jetzt halten. Zudem haben wir noch ein Eis für umgerechnet 12 Cent gegessen. Wir hatten zwar zunächst etwas Sorgen, dass unsere Mägen uns das übelnehmen würden, aber es ist alles gut gegangen.
Am Abend haben wir ein Zweigängemenü für einen Euro gegessen. War lecker. Nachher waren wir in der „Skybar“ unseres Hostels, in der Franzosen, Israelis, Brasilianer und Deutsche rumhingen. Es lief europäische Clubmusik. Es war seltsam. Unten auf der Straße tanzten Bolivianer in traditionellen Klamotten. Durch die Glasfront der Skybar konnten wir sie sehen. Mir wurde etwas bewusst: alle diese Leute da oben reisen durch die Welt, um sie kennenzulernen, aber es ist gar nicht selbstverständlich, dass sie das tun. Ich werfe niemandem etwas vor, aber in Skybars lernt man keine Länder kennen. In Skybars trifft man Leute wie sich selbst. Sie mögen aus aller Welt kommen, sie mögen zigverschiedene Sprachen sprechen, aber die meisten haben ihren Lebensstil und -standard gemein. Auch ich teile mehr mit Leuten aus der Skybar als mit den bolivianischen Feiernden, das ist mir bewusst. Ich werde dennoch versuchen, mein Jahr abseits von ihnen zu verbringen. Skybars können sehr interessant sein. Aber sie sind eine Parallelwelt.
Trotzdem war es ein schöner Abend.

Am nächsten Morgen brachen Karima und ich zum „Valle de la Luna“, IMG_2782dem „Mondtal“ auf. Es besteht aus Felsen und Felsspaltungen und erscheint tatsächlich ein bisschen kraterähnlich. Dennoch haben Karima und ich befunden, dass es nicht so aussieht, wie wir uns die Mondoberfläche vorstellen. Schön und beeindruckend, nur waren wir teilweise etwas gestört von den Touristenhorden (aus Deutschland), die hinter uns herrannten. Das erschien uns zwar selbst albern, da wir ja ebenfalls quasi Touristen sind, änderte aber nichts an diesem Gefühl. Nachmittags trafen wir dann zufälligerweise andere Freiwillige aus Sucre, die mit derselben Organisation in Bolivien sind wie meine Mitfreiwilligen auf der Arbeit. Danach besuchten wir das Museum der Kirche San Francisco, wo uns endlich mal was darüber erzählt wurde, wie in Bolivien die indigene Kultur mit der christlichen Religion verbunden wurde, was mich sehr interessiert. Die Kirche stammt aus dem 16. Jahrhundert, wurde von den Spaniern erbaut, enthält aber einige indigene Elemente. So ist zum Beispiel in jeden Stein das Zeichen des jeweiligen Indigena eingearbeitet, der diesen Stein abgebaut hat. Auch sahen wir einige Gemälde, auf denen katholische Elemente – die Jungfrau Maria – und indigene Elemente – das Dreieckszeichen der Pachamama, der indigenen Mutter Erde – verbunden wurden.

Später schauten wir uns dann noch einen Comedian auf der Plaza an, der die Menge mit seinen Improv-Szenen aus dem Nachtleben sehr erheitert hat. Um halb sieben fuhr dann unser Bus zurück. Zum Glück war der Fernseher kaputt, insofern konnten wir schlafen.
Die nächsten Wochen waren in der WG von einer erneuten Krankheitswelle geprägt. Zeitweise gingen zwei von neun Leuten zur Arbeit. Arturo hat die Köchin angewiesen, „gesünder“ zu kochen: mit mehr Fleisch und saubereren Fingernägeln. Dafür gibt es jetzt morgens anstelle der weißen Luftbrötchen manchmal Körnertoast.
Allerheiligen und Allerseelen ist in Bolivien eine etwas größere Angelegenheit als bei uns. Der Friedhof wird gereinigt und die Familien kommen, um zu beten, den Verstorbenen Essen zu bringen und um süßes Brot, sogenanntes T’antawawas (aus dem Quechua) zu verteilen. Dies hat interessante Formen: es gibt Pferde, Sterne, Leitern… Echte Leitern werden an die Sargwände gestellt, damit die Seelen der Verstorbenen auf die Erde kommen können, um den Tag mit ihren Familien zu verbringen. Riesige Altäre mit Gebäck sind aufgebaut, und alles ist geschmückt. Schwarz und lila. Draußen wird Chicha in allen möglichen Geschmacksrichtungen und auch süßes Brot und Maza, Maisgebäck, verkauft.

Am Montag, „Dia de los muertos“ (also quasi „Tag der Toten“) veranstalten dann Familien, in denen vor circa einem Jahr jemand verstorben ist, eine Feier. Diese kann öffentlich oder geschlossen sein. Man geht von einer dieser Feiern zur nächsten und bekommt Essen (traditionell Mondongo, wie weiter oben beschrieben). Ebenfalls bekommt man von dem Brot geschenkt, das auf dem Friedhof ebenfalls verteilt wurde. In quasi allen Häusern sind Altäre für die Verstorbenen der Familie aufgestellt, mit Sachen, die der Verstorbene mochte. Das sind in sehr vielen Fällen Alkohol und Zigaretten, aber auch Brot und anderes Essen. Auf den Todos-Muertos-Feiern wird zudem sehr viel Alkoholisches verteilt. Es ist praktisch unmöglich, dem zu entgehen, da man in vielen Fällen bereits in der Eingangstüre Chicha in einer ausgehölten Ananas gereicht bekommt. Die muss man vor dem Eintreten erst einmal leeren. Dann gibt es noch einige Traditionen, die nicht überall präsent sind. Bei dem Todos Muertos, bei dem ich war, wurden am Abend die ganzen Sachen, die sich auf dem Altar befanden, auf einem Feld verbrannt. Dies anscheinend, damit sie zusammen mit dem Verstorbenen in den Himmel aufsteigen konnten. Ein Mann verkleidete sich als Frau und eine Frau als Mann, und dann sprangen sie wild tanzend und sich gegenseitig schlagend im Kreis. Die Bedeutung dieser Tradition wurde mir leider nicht offenbart, deshalb könnte ich nur raten.

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4 Gedanken zu „La Paz & Todos los Santos“

  1. Liebe Franziska,
    das ist ein interessanter, toll geschriebener Eintrag! Sind die Kleinen mit den bunten Gewändern und Hüten die Kinder, mit denen Du arbeitest? Die sehen ja unglaublich süß aus.
    Ich lese Deine Blogeinträge mit größter Spannung vom ersten bis zum letzten Buchstaben und finde, dass sie immer besser werden.
    Freue mich auf den nächsten,
    Deine Mama

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  2. Liebe Franziska!
    ich habe gerade mit großem Interesse Deinen Bericht gelesen, den ich wieder sehr lebendig, anschaulich und informativ finde. Es ist gut, wenn Du so viel wie möglich Kontakt mit der Realität der einfachen und armen Bevölkerung suchst: Ich stimme Deinen Gedanken zu „Skybar“ voll zu.
    Die Fernsehserie „El Chavo del Ocho“ kenne ich nicht; vielleicht weil es sie zu meiner Zeit in Argentinien nicht gab oder – wahrscheinlicher – weil ich mir sowieso keine Serien (erst recht nicht für Kinder) im Fernsehen anschaue. Aber wie mir scheint, behandelt diese Serie ein seit Jahrzehnten aktuelles Problem in allen armen Ländern der Welt, die Problematik der Straßenkinder. Kinder aus gefährdeten Familien sind doch auch Eure Zielgruppe, wenn ich das richtig verstanden habe (?)
    Im Jahre 1996 habe ich bei einem Besuch von Padre José Neuenhöfer in La Paz, des Gründers von „arco iris“ http://arcoirisbolivia.org/ ein klein wenig vom Leben der Straßenkinder dort kennengelernt.
    Dass ein Großteil der Ware auf so riesigen Märkten in LA aus Diebesgut besteht, davon kann man getrost ausgehen. Als mir damals in Florencio Varela mein Diaprojektor, den ich für meine Arbeit brauchte, gestohlen worden war, haben wir ihn auch, allerdings vergeblich, auf einem solchen Markt in der Nachbarstadt gesucht.
    Was Du über die Kirche San Francisco schreibst, finde ich sehr interessant. Wenn Du mehr über die Verbindung der indigenen Kultur mit dem Christentum sehen möchtest, würde sich ein Besuch in der sog. Chiquitanía östlich von Santa Cruz de la Sierra empfehlen. Es ist das Gebiet der ehemaligen Jesuitenreduktionen, das ich auch 1996 kennengelernt habe https://de.wikipedia.org/wiki/Chiquitania
    Auch was Ihr an Allerseelen (dia de los muertos) erlebt habt, ist ein Beispiel der Verschmelzung von indigener (typisch für die Anden) und christlicher Tradition.
    Per Email werde ich Dir einen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung anläßlich des Besuches „Deines Präsidenten“ in Deutschland zuschicken. Was die Bolivianer wohl zu den Aussagen von Evo Morales sagen?
    Mit vielen lieben Grüßen und guten Wünschen!
    Dein Onkel Ulrich

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  3. Hallo franziska,
    cool geschrieben und voll interessant. wie gehts dir so? falls du dich wunderst warum ich über WhatsApp nicht erreichbar bin: mein Handy iat kaputt! 😥
    viel gruß kathi

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