Zurück in Sucre

Angekommen war alles erst einmal sehr entspannt. Die nächste Woche waren die meisten anderen noch unterwegs, und so genossen wir die Stille im Hostel. Zunächst waren wir zu zweit, und nach ein paar Tagen dann zu viert. Wir hatten viel Spaß und den Gedanken, dass eine Vierer-WG jetzt auch nicht das blödeste wäre. Ich ging mit meinen Arbeitsfreunden auf ein Holifestival und das Leben war insgesamt angenehm.

Eine Woche später begann allerdings auch schon unser Zwischenseminar. Das machte uns allen nachdrücklich deutlich: die Hälfte ist vorbei. Das Seminar an sich war teilweise interessant, teilweise nicht interessant und teilweise doof. Interessant war das, was uns über die Geschichte, Geologie und Politik Boliviens berichtet wurde, weniger interessant war, was uns die Psychologin über der Machismus in Bolivien zu erzählen hatte und enttäuschend waren die Reaktionen der Verantwortlichen auf die Präsentationen, die wir über unsere Arbeitsstellen halten mussten. Arturo machte die Freiwilligen höchstpersönlich für ihre Probleme in den Einsatzorten verantwortlich und ging wenig bis gar nicht auf Kritik ein.

An einem Abend hatten wir ein Selbstvereidigungsseminar, das mir wirklich Spaß gemacht hat und am nächsten Tag gingen wir auf einem Inkapfad wandern. Am letzten Abend wurde auf dem für 8000 Dollar importierten Grill gegrillt, und danach besoff sich Arturo mit einigen ehemaligen Militärkumpanen. Anscheinend geriet alles ein wenig außer Kontrolle und den nächsten Seminarlern wurde das Feiern im Hostel verboten.

Das weltwärts-Seminar war in der nächsten Woche, und wir gingen wieder arbeiten bzw. zum Sprachkurs. Dort musste ich erst einmal Die Verwandlung auf Spanisch lesen. Zu diesem Anlass erinnerte ich mich wieder an mein Abitur, das auch inzwischen fast ein Jahr zurück liegt.

Auch Karneval kam, was in Bolivien eine riesige Angelegenheit ist. In Oruro, der Stadt, die allgemein als die hässlichste Bolivien bezeichnet wird, findet jedes Jahr der größte traditionelle Karneval Südamerikas statt. Dort wollten wir eigentlich hinfahren, daraus wurde dann aber nichts. Das lag an den Blockaden, die über das ganze Land verteilt waren. So war das Land quasi lahmgelegt. Die LKW-Fahrer hatten beschlossen, dass sie eine bestimmte Steuer nicht mehr bezahlen wollen, und hatten ihre LKW quer über die wichtigsten Straßen Boliviens gestellt. Nichts ging mehr, und wir saßen in Sucre fest.

Karneval in Sucre macht wenig Spaß. Der Gag ist, dass tagelang Wasserbomben geschmissen werden. Wo immer man hinwill, wenn man ankommt ist man nass. Wenn man Glück hat, ist man nur nass, wenn man Pech hat, tun einem auch noch diverse Körperteile weh, denn die Bomben werden nicht gerade mit besonders viel Rücksicht geworfen. Was ganz lustig war, war der Donnerstag vor Karneval. Da ist Comadres,  und viele Clubs lassen nur Frauen rein. Wir kauften uns ein paar Flaschen Wein und zogen durch die Stadt. Dort trafen wir einige tanzende Mädchen, von denen wir mitgezogen wurden.

Ganz interessant sind die Opferfeuer, Ch’alla genannt, die in der Karnevalszeit überall angezündet werden. In ihnen sind Kokablätter und Kräuter. Zudem wird Schaum in Sprühflaschen verkauft, mit dem die Kinder Passanten vollsprühen. Auch Luftschlangen und Silvesterböller gehören zu den Verkaufsschlagern. Auch „Leche de Tigre“, Tigermilch, trifft man überall an. Das ist ein Gemisch aus Milch, Ei und Singani.

Auf der Arbeit zündeten wir auch ein Feuer an und kippten für Pachamama Alkohol in die Ecken. Dasselbe taten wir in jedem Raum des Cerpis. Es riecht deshalb auch immer noch etwas seltsam. Am Abend war eine Feier, bei der –wer hätte es gedacht – alle nassgemacht wurden.

An Karneval selbst gab es eine Entrada, die absolut unlustig war, da sich sowohl die Zuschauer als auch die Tänzer permanent im Kreuzfeuer befanden.  Oruro selbst hat einen riesigen Verlust gemacht, da aufgrund der Blockaden wenige Menschen überhaupt die Stadt erreichen konnten.

Bei der Arbeit ging in den ersten Monaten des Jahres erst mal gar nichts. Die Finanzierung für die Escuela Móvil fehlte, und so saßen wir teilweise nur in der Gegend rum. Irgendwann fing dann der Hausaufgabensaal wieder an, und die Freiwilligen gaben ein bisschen Englischunterricht. Zudem wurde es wieder leerer im Hostel, da Svenja einen weiteren Monat mit ihrem Projekt in La Paz verbrachte, Karima in Cochabamba war und Sophia in Cajamarca, einem Waldaufforstungsprojekt etwas außerhalb von Sucre.

Im Laufe dieser Wochen traten zunehmend mehr Probleme mit Arturo auf. Er ignorierte unsere Beschwerden über unsere defekte Küche, fuhr mehrere heftige Charakterangriffe gegen einige von uns und verweigerte seine Hilfe im Bezug auf Einsatzstellenwechsel. So sahen wir uns gezwungen, Volunta in Deutschland und Max Steiner zu verständigen, die uns auch ihre Hilfe zusagten.

Am 22. Februar fand ein weiteres nationales Referendum statt. Diesmal ging es um die Frage, ob Evo Morales sich im Jahr 2019 ein weiteres, viertes Mal zur Wahl stellen lassen kann, eine Sache, die eigentlich durch die Verfassung, die er selbst 2009 verabschiedet worden ist, verboten wurde. In den Tagen zuvor wurde kein Alkohol verkauft, Bars schenkten nur Saft aus und am eigentlichen Referendumstag fuhren keine Autos. Die Aufmärsche der MAS-Jünger und die ganzen angepinselten Mauern konnten Evo nicht helfen, er verlor in fast allen Bundesländern und wertete das Ganze als eine Absage an ihn höchstpersönlich, was es wahrscheinlich auch war. In den Tagen vor der Abstimmung war nämlich ein Skandal aufgedeckt worden: eine seiner Ex-Freundinnen war in den Jahren seit ihrer Trennung zur Chefin der größten chinesischen Firma Bolivien avanciert und hatte Regierungsaufträge im Wert von 500 Millionen Dollar eingestrichen. Anscheinend war nicht alles mit rechten Dingen zugegangen und die gute Frau musste ins Gefängnis. Evo behauptete, nichts mit der ganzen Sache zu tun gehabt zu haben, dass er sie niemals wieder gesehen hätte, und dass Fotos von den beiden zusammen ohne sein Wissen über ihre Identität entstanden seien. „Ihr Gesicht kam mir bekannt vor“ sagte er über die Frau, die seine Freundin gewesen war. Tatsächlich hatten die beiden ein Kind zusammen, von dem bisher angenommen wurde, dass es im Säuglingsalter verstorben war. Wie sich nun herausstellte, war das nicht der Fall. Das Kind lebt und die Nation ist in Aufruhr. Viele denken allerdings, dass der Telenovela-Aspekt der Geschichte zur Ablenkung vom eigentlichen Korruptionsskandal dienen sollte. Es wird geglaubt, dass das ganze Drama zu Evos Niederlage beitrug.

An den Wochenenden unternahmen wir einige Ausflüge, so zum Beispiel nach Yotala, einem Dorf in der Nähe, in dem es Schwimmresorts gibt.

 

 

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3 Gedanken zu „Zurück in Sucre“

  1. Liebe Franziska,

    das mit dem Feiern ist anscheinend wirklich ein großes Thema in Bolivien. Hoffentlich hast Du Dich bei all der Nässe nicht wieder erkältet, hoffentlich bist Du gesund?? Jetzt sind es nur noch drei Monate, bist Du zurück nach Deutschland kommst. Ich bin dann doch sehr froh, wenn Du dieses Abenteuer gut überstanden hast!

    Viele liebe Grüße,

    Mama

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