Zweite Große Reise – Erster Abschnitt

Am 27. Juli fuhr ich nach einem letzten Besuch in Cajamarca gen Osten los. Erste Station war Santa Cruz, von wo aus es mit dem Zug weitergehen sollte. Es war meine erste Reise alleine, deshalb war ich auf der 14-stündigen Fahrt auch zunächst etwas nervös, was sich aber schon bald legen sollte. Die  Zugfahrt war einsam, ruckelig und von spektakulären Ausblicken begleitet. Der Osten Boliviens, „el oriente“, ist touristisch noch weniger erschlossen als der Westen des Landes, und so begegneten mir in den nächsten Tagen kaum Touristen.  Das war seltsam, nach einiger Zeit jedoch sehr entspannend, da man so dem ewigen Backpacker-Wettlauf entkommen konnte, den man als Freiwilliger ohnehin nicht gewinnen kann.

Von Santa Cruz fuhr ich nach Puerto Quijarro, dem östlichsten Punkt Boliviens – die Grenze zu Brasilien. Diese überquerte ich allerdings nicht, guckte mir nur die Ansammlung von Häusern und staubigen Straßen an und guckte ins brasilianische Pantanal rüber. Es war mein Glück, dass zu dieser Zeit tiefster Winter in Bolivien herrschte, denn im Sommer erreichen die Temperaturen in Quijarro ab und zu 50 Grad. In Puerto Quijarro gab es leider keinen Bankautomaten, ich musste zur brasilianischen Grenze fahren – und so begann meine Liebe zu Moto-Taxis, Motorrädern, die dich in der Gegend rumfahren. Gegen Geld, versteht sich. Meiner Meinung nach die beste Erfindung seit der Dampfmaschine. Mein Verbesserungsvorschlag für Deutschland: Moto-Taxis in allen Städten. Und Dörfern.

Die nächsten Tage verbrachte ich dann auch hauptsächlich auf dem Rücksitz von Motorrädern. Als ich mitten in der Nacht an meinem nächsten Ziel ankam (als ich tatsächlich ankam, denn kurz zuvor war ich fälschlicherweise eine Station zu früh ausgestiegen, eine Tatsache, über die die Zugführer sich nicht sehr gefreut hatten, da sie den Zug aufhalten mussten, damit das dumme deutsche Mädchen wieder einsteigen konnte), also, als ich ankam, war finstere Nacht und ich hatte keine Ahnung wo ich hinmusste. So schwang ich mich gleich aufs Motorrad um auf Hotelsuche zu gehen. Ich fuhr einmal vom einen Ende des Dörfchens San José de Chiquitos bis ans andere und wieder zurück. Nicht nur aus Jux, aber dieser spielte doch eine entscheidende Rolle.  Am nächsten Tag besichtigte ich die Hauptattraktion San Josés: die Jesuitenkirche. Sie ist wirklich beeindruckend, und das Museum dazu war auch erstaunlich interessant. So erfuhr ich viel über die Jesuiten, die im Jahr 1696 mit der Gründung ihrer Städtchen im Osten Boliviens begannen, in der sogenannten Chiquitania. Dieses Wort hatten sich die Jesuiten ausgedacht, es stammt von dem Wort „chico“ oder „chiquito“, was so viel wie „winzig“ bedeutet. Der Grund: die Jesuiten passten nicht durch die Türen der Einwohner. So beschlossen sie, diese als Winzlinge zu bezeichnen. Ihre Sprache: Chiquitano. Ihr Dorf: San José de Chiquitos. Sie waren sehr gründlich in ihrer Herabwürdigung dessen, was sie in Bolivien vorfanden.

In Bolivien gibt es mehrere dieser Jesuitenreduktionen, deren Kirchen Weltkulturerbe sind. Sie vereinen christliche Architektur mit der traditionellen indigenen Bauweise und sind deshalb mit europäischen Kirchen kaum zu vergleichen.  In den letzten zwanzig Jahren wurden diese Kirchen restauriert und sind zu touristischen Zielen geworden.

Später bestieg ich ein weiteres Mototaxi, und ließ mich zu meinem dritten „Valle de la Luna“ fahren. Ich habe jetzt drei verschiedene Theorien über das Aussehen der Mondoberfläche gesehen und würde mich sehr wundern, wenn eine davon auch nur annähernd dem Original ähnelt. Das Valle war unspektakulär, und so genoss ich vor allem die Mototaxi fahrt, bevor ich an dessen Ende vom Fahrer schamlos abgezogen wurde.  Am Terminal buchte ich meinen Bus an mein nächstes Ziel (ich wählte dieses aus, in dem ich mich von der ersten Verkäuferfrau anquatschen ließ und einfach das kaufte, was sie mir vorschlug). Ich fuhr also mit dem Bus in das winzige Dorf Chochís.

Ein Hotel zu finden, war dort nicht schwer, denn es gab nur zwei. Als ich ankam, war auch fast schon Nacht (es war schließlich schon fünf) und so begnügte ich mich damit, umherzuspazieren. Das Dorf war wie eine Miniatur von einem echten Dorf. Es gab alles, eine Kirche, eine Schule, einen Laden und ein Rathaus (Bürgermeisteramt? Versammlungsort?) aber alles befand sich am gleichen Platz. So auch mein Hostel. In der Ferne sah man einen riesigen roten Felsen. Ich spazierte zwei Minuten aus dem Dorf heraus und betrachtete von einer wilden Wiese aus, wie neben diesem die Sonne unterging. Es war fast schon zu kitschig. Im ganzen Dorf war ich die einzige Touristin, was natürlich den Hypertouri in mir zufriedenstellte, für den ein Ort erst schön ist, wenn er der einzige ist, der ihn jemals gesehen hat. Dazu möchte ich sagen, dass ich den Ort nur gefunden habe, weil er im Lonely Planet als „Geheimtipp“ angepriesen wurde.  Deshalb holte ich mich immer sehr schnell auf den Boden der Tatsachen zurück, sobald ich begann, in irgendwelchen selbstgefälligen Träumereien zu schwelgen.  Dennoch machte die Einsamkeit meinen Aufenthalt in Chochís zum Highlight meiner Reise. Die Schönheit der Natur und des Städtchens taten natürlich ihren Teil. Zudem war es bestimmt einer der seltsamsten Orte in Bolivien: den ganzen Tag über kamen Durchsagen über riesige Megafonanlagen, die im ganzen Dorf aufgestellt  waren. Der Inhalt der Durchsagen reichte von Werbung für die einzige Bäckerei im Dorf bis zu Aufrufen zur Versammlung mit dem Bürgermeister, die am nächsten Sonntag stattfinden sollte.

Am nächsten Tag wanderte ich zu einem Sanktuarium, das für die Opfer einer Flut im Jahre 1979 errichtet wurde. Es bestand aus bizarren Holzschnitzereien und Blumen. Hinter dem Haus befand sich der rote Felsen, an dem man hochklettern und die Chiquitania von oben bewundern konnte.  Am Nachmittag stiefelte ich noch zu einem kleinen Wasserfall, bevor ich mich abends in den Bus nach Santa setzte.  In diesen Tagen ernährte ich mich übrigens von Empanadas und Limonade, die mir durch Busfenster verkauft wurden.  Von Kindern, versteht sich.

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